BOTAFOGO BIS GLÓRIA

Zwischen der Copacabana und dem Zentrum liegen vier Stadtteile, die alle an die Bucht von Guanabara grenzen: Botafogo, Flamengo, Catete und Glória. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert begannen reiche Kaffeebarone und andere Aristokraten, sich außerhalb des Zentrums in prachtvollen Residenzen in diesen Vierteln niederzulassen. Später folgten Phasen des Verfalls, heute mischt sich hier ein leicht morbider Charme mit Ansätzen einer Revitalisierung. Hier ist eher die Mittelschicht zuhause, vieles ist einfacher, aber auch authentischer als in den wohlhabenden Vierteln am Atlantik. Neben vielen guten und wenig touristischen Bars finden sich in diesem Gebiet auch einige günstigere Unterkünfte. Für einen Strandaufenthalt eignet sich jedoch allerhöchstens die Praia de Flamengo, ansonsten muss man zu den Atlantikstränden mit Metro oder Uber/Taxi pendeln.

Es ist sehr empfehlenswert, auch diese weniger touristischen Stadtteile einmal zu besuchen. Flamengo, Catete und Glória lassen sich auf einem interessanten Spaziergang ab Largo do Machado leicht nacheinander ablaufen. Auch Botafogo und den angrenzenden Stadtteil Humaitá könnt Ihr gut zu Fuß erkunden. Es sind schöne grüne Viertel mit vielen Straßenbäumen und Schatten, sodass auch längere Spaziergänge an Sonnentagen angenehm machbar sind.

Botafogo und Humaitá

In Botafogo gibt es noch viele historische Prachtvillen, die jedoch im Stadtbild hinter einer Vielzahl von Wohnblocks und neueren Geschäftsbauten zurücktreten. Dazwischen befinden sich zahlreiche kulturelle Einrichtungen, das Viertel verfügt über 23 Kinos, sechs Theater und einige Museen. In diesem Viertel liegt auch der riesige Prominenten-Friedhof São João Batista, dessen Ausmaße gut vom Corcovado aus zu sehen sind. Hier ruhen unter anderem der Dichter Machado de Assis, der Flugpionier Santos Dumont, der Musiker Antônio Carlos Jobim, der Architekt Oscar Niemeyer und Jorge Selarón, der Schöpfer der Fliesentreppe von Santa Teresa.

Die Praia de Botafogo bietet den schönsten Blick auf den Zuckerhut und den Morro da Urca, wegen der abseitigen Buchtlage und des Jachthafens ist sie jedoch verschmutzt, hier spielen höchstens ein paar Jungen Fußball.

Zu Botafogo gehört auch der Hügel Santa Marta, es war Rios erste befriedete Favela. Wer mag, kann sich an der Praça Corumbá (oder bekannter als Praça do Santa Marta) einem lokalen Guide anschließen und sich einiges zeigen lassen. Das erste Befremden verfliegt meist schnell, wenn man entdeckt, dass die Bewohner hier nicht mehr so ärmlich leben, wie man vermutet hatte. Unten am Platz befindet sich eine kleine Tourist Info, wo auch ein Plan mit einer Übersicht der Sehenswürdigkeiten erhältlich ist. Auch eine dort aufgestellte Übersichtskarte verschafft Orientierung. Eine geführte Tour dauert etwa eine bis eineinhalb Stunden, jedoch sprechen nicht alle Guides Englisch. Auch wenn der Preis in Maßen verhandelbar ist, so ist dies doch eine Gelegenheit, einen kleinen Obolus zur Modernisierung des Stadtviertels beizutragen. Denn von allen Einnahmen geht ein Teil an den örtlichen Kindergarten. Von der Praça Corumbá geht es zunächst 300 m leicht bergauf bis zur Station 1 (Estação 1) einer kleinen Standseilbahn, dem Plano Inclinado, die gratis benutzt werden darf. Bei Station 3 muss man in eine andere Bahn umsteigen, die bis nach ganz oben zur Endstation 5 hinauffährt. Dort bietet sich ein herrlicher Blick auf die Lagoa, die Dois Irmãos und den Corcovado. 400 m nach rechts gehend, eröffnet sich vom Mirante Pedrão (ausgeschildert) noch ein ähnlich fantastischer Blick auf die Bucht von Botafogo, den Zuckerhut und sogar bis hinüber nach Niterói. Zurück geht der steile Abstieg über neue und mit Geländern versehene Treppen. Insgesamt macht alles einen recht gepflegten Eindruck, Ziegelsteinhäuser sind verputzt und gestrichen. Von den Hauptwegen gehen enge Gassen ab, durch eine gelangt man zum Espaço Michael Jackson, dem meistbesuchten Platz. 1996 war hier der Popstar zu Gast, um Teile des Clips zum Welthit “They don‘t care about us” zu drehen. Es war das größte kulturelle Ereignis der Stadtteilgeschichte, verewigt durch ein buntes Wandmosaik und eine Bronzestatue. Auch von hier bietet sich wieder ein schöner Ausblick. Im unteren Teil sollte man noch die hübsche Praça Cantão 8 mit ihren bunt bemalten Häuschen aufsuchen. Dort befinden sich unter anderem die blaue Halle der Sambaschule Mocidade Unida do Santa Marta und mehrere Bars. Führungen über Favela Scene, das junge Team bietet auch interessante Extras, die in den Rundgang integriert werden können, zum Beispiel Mittagessen, Fußballspielen mit Einheimischen, Drachenlenken oder Foto-Safari. Wer noch tiefer eintauchen möchte, kann sich in einem Hostel einmieten.

Reisetipp: Wanderung zum besten Aussichtspunkt
Von dem Hügel in Santa Marta aus lässt sich übrigens in gut 40 Minuten zu Fuß der Mirante Dona Marta erreichen, einer der besten Aussichtspunkte der Stadt. Diese Wanderung kann allerdings nur mit Guide gemacht werden, der Preis ist verhandelbar.

Nach einem Besuch des Hügels von Dona Marta bietet es sich an, auch noch zum sehenswerten Markthallenkomplex Cobal Humaitá, Rua Voluntários da Pátria 446, zu spazieren (10–15 Gehminuten). Tagsüber locken hier exotische Früchte und Gerüche, Blumenstände und Weingeschäfte, abends lebhafte Open-Air-Bars und Kneipen auf der Rückseite der Halle. Die Atmosphäre ist ausgelassen, besonders am Wochenende geht es hoch her und man kann recht gut und günstig speisen.
Cobal Humaitá Mo–Sa 8–21, So 8–13, Bars bis 24 Uhr

Auch in den benachbarten Straßen des Viertels Humaitá finden sich rund um die Markthalle viele gute Bars und Restaurants. Es ist ein überraschend schönes und lebendiges Viertel, das in jeder europäischen Großstadt einen festen Platz als Ausgehviertel hätte. Aufgrund der großen Konkurrenz der berühmteren Nachbarn in Rio, und wohl auch wegen der fehlenden Strände, läuft Humaitá quasi unter dem Radar und wird fast nur von Einheimischen aufgesucht. Wir empfehlen Rio-Besuchern sehr, sich auch über die klassischen Hotspots (Copacabana, Zuckerhut, Christus) hinaus in der Stadt zu bewegen und spannende Gegenden zu entdecken, wie eben zum Beispiel Humaitá.

Flamengo

Zu Flamengo gehört bereits der große Largo do Machado. Es handelt sich um einen klassisch südamerikanisch anmutenden Platz mit Blumenständen, Parkbänken, Königspalmen und anderen tropischen Bäumen, einem religiösen Monument in der Mitte und der 1834 erbauten Igreja Matriz de Nossa Senhora da Glória am hinteren Ende. Für Touristen, die zur Christusstaue wollen, ist hier einer von zwei Knotenpunkten der Stadt: Gegenüber der Kirche fahren die Vans zum Corcovado ab (Ticketverkauf beim Metroausgang A).

Von der anderen Seite des Platzes aus geht es durch die Rua 2 de Dezembro, an deren Ende rechts an der Ecke die 1916 errichtete Residenz eines damaligen Bauunternehmers erscheint. Sie wirkt wie ein Schlösschen und wird daher Castelinho do Flamengo genannt. Heute ist hier das städtische Centro Cultural Oduvaldo Vianna Filho untergebracht. Der einstmals herrschaftliche Anstrich des Stadtteils wird noch deutlicher, wenn man nun an der Hauptstraße links weitergeht, wo noch einige prunkvolle historische Fassaden erhalten geblieben sind.

Die Hauptstraße Praia do Flamengo vor dem Castelinho war früher eine der nobelsten Adressen der Stadt. Von alter Pracht und Reichtum zeugt noch manch alte Häuserfassade. Linker Hand stößt man bei Hausnummer 116 auf das im Pariser Stil gestaltete neoklassizistische Edifício Praia do Flamengo. Das erste Luxus-Apartmenthaus des Viertels (1923) mit großen Fünf-Zimmer-Wohnungen hieß zunächst Palacete de Areia (Sandpalast), weil der Buchtstrand bis kurz vor den Eingang reichte. Der Architekt Joseph Gire hatte kurz vorher auch das Copacabana Palace Hotel entworfen.

Wenige Meter weiter folgt bei Hausnummer 88 das 1931 in florentinischem Stil errichtete zwölfstöckige Edifício Flamengo (früher Edifício Seabra), es war mit seinen zwölf Stockwerken eines der ersten Hochhäuser Rios. Mit ihm begann der Boom der größeren Condomínios (Wohnhochhäuser). Da die Bewohner noch nicht an gleichförmige Apartments gewöhnt waren, wurden die Wohnungen unterschiedlich groß und hoch gebaut. Auch die Fassade sollte nicht einheitlich wirken, sie wurde damals zur zweitschönsten Rios gekürt.

Wer mag, könnte jetzt die vielspurige Straße überqueren und einen kleinen Abstecher zum Strand machen. Die Praia do Flamengo ist durchaus reizvoll und bietet einen tollen Blick auf den Zuckerhut. Trotz des kaum sauberen Wassers wird sie immer von Badegästen aufgesucht. Davor liegt der sogenannte Aterro do Flamengo, eine vom Landschaftsarchitekten Burle Marx nach dem Vorbild des New Yorker Central Parks entworfene sich über 1,2 Millionen m² erstreckende Grünanlage mit 11.600 Bäumen (190 verschiedene Arten), vielen Spazierwege und Sportplätzen. Das Terrain wurde 1961 durch Aufschüttung der Bucht abgerungen und 1965 als Park eingeweiht. Sonntags ist die hier entlangführende Schnellstraße für Autos gesperrt und es kommen viele Familien, Kinder und Sportler.

Catete

Wer nicht zum Strand will, geht einfach die Straße Praia do Flamengo weiter Richtung Norden und stößt nach kurzer Zeit auf den Eingang zu einem schönen Park. Der Parque do Catete ist ein wunderschönes und kaum bekanntes Kleinod von Rio. An seinem Ende steht der Palácio do Catete (Eingang über die Rua do Catete 153), in dem bis 1960 fast alle brasilianischen Präsidenten wohnten. Getúlio Vargas nahm sich hier 1954 in seinem Schlafzimmer das Leben. Seit der Verlegung der Hauptstadt nach Brasília dient der Palast als Museu da República, zu bewundern sind hauptsächlich prachtvolle Salons.
Di–Fr 10–17, Sa, So 11–18 Uhr, Eintritt R$6 (Mittwoch und Sonntag gratis)

In dem gepflegten Park befindet sich noch ein weiteres sehenswertes Museum, das hübsche Museu de Folclore Edison Carneiro mit Ausstellungen zur brasilianischen Volkskunst. Auf der anderen Seite tobt in der Rua do Catete, die rechter Hand nach Glória führt, schon wieder das quirlige Stadtleben. Das Viertel Catete wirkt schon deutlich einfacher als Flamengo und hier befinden sich auch zahlreiche Budget-Unterkünfte.

Glória

Im zentrumsnahen Glória ist noch ein wenig zu spüren, dass hier einmal die Kaffeebarone und Aristokraten residierten. Wer durch die Rua da Glória bis zur Metrostation Glória schlendert, erlebt ein ganz ungeschminktes und authentisches Gesicht von Rio. Nach Jahrzehnten der Stagnation wurde das Viertel zwar kürzlich saniert und revitalisiert, trotzdem wirken einige Stellen noch etwas verfallen. Auf jeden Fall verirren sich nur sehr selten Touristen hierher.

Bei der Metro führt eine Straße rechts um hohe Steinmauern herum bis zur Rua do Russel. Am Ende dieser Straße erhebt sich die Bauwüste des 1922 errichteten Hotel Glória Palace. Aus diesem traditionsreichen Hotel, das für eine kurze Zeit bis zur Gründung des Copacabana Palace Hotel (1923) die größte und nobelste Unterkunft der Stadt war, wollte der pleitegegangene Ex-Milliardär Eike Batista das erste “6-Sterne-Hotel” Rios machen. Es war ein Traum des ehemals milliardenschweren Unternehmers, dem Hotel und dem gesamten Glória-Viertel zu altem Glanz zu verhelfen. Inzwischen wurde das Hotel an eine Schweizer Firma weiterverkauft.

An der Rua do Russel sieht man auch den Plano Inclinado do Outeiro da Glória, eine kleine Standseilbahn, die auf einen 61 m hohen Hügel führt. Dort steht die 1714–39 erbaute Igreja de Nossa Senhora da Glória do Outeiro, es ist das hervorstechendste historische Monument des Viertels. Der wie ein Leuchtturm auf einem Hügel stehende Barock- und Rokoko-Tempel mit dem achteckigen Grundriss und den Azulejo-Verzierungen war eine der Lieblingskirchen der Kaiserfamilien, hier wurde auch Dom Pedro II. getauft. Von oben genießt man einen schönen Blick auf die Bucht und die Skyline des Zentrums.

Reisetipp: Von Glória zur Selarón-Treppe und nach Santa Teresa
Von Glória aus seid Ihr recht schnell bei der berühmten Künstlertreppe Escadaria do Selarón. Man geht nur die Rua da Glória etwas weiter und biegt dann links in die Rua Joaquim Silva ein. Wer hinauf nach Santa Teresa möchte, kann den Stadtbummel dort fortsetzen. Mit Taxi oder Uber seid Ihr schnell oben.

 

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