DAS NEUE HAFENVIERTEL

Der Spaziergang durch die Altstadt lässt sich in der revitalisierten Hafengegend fortsetzen. Die Gegend am Ende der Avenida Rio Branco, früher eine eher heruntergekommene No-Go-Area, präsentiert sich heute als ein wichtiges touristisches Ziel in der Stadt. Für die Olympischen Spiele 2016 wurden im Rahmen einer Serie von Infrastrukturprojekten unter anderem neue Nahverkehrssysteme geschaffen und das ehemals verfallene Hafengebiet völlig neu gestaltet. Man entledigte sich einer alten hässlichen Hochstraße, stattdessen tingelt nun eine moderne Straßenbahn (VLT) durch das Zentrum und vorbei an der voll sanierten und weitläufigen Praça Mauá am Fuß des Hügels Morro da Conceição: Hier schlägt jetzt das Herz des Porto Maravilha, Rios “Wunderbarem Hafen”.

Rund um die Praça Mauá gibt es gleich mehrere lohnende Ziele, allen voran das 2016 eröffnete Museu do Amanhã. Das Gebäude aus der Feder des spanischen Stararchitekten Santiago Calatrava ist zweifellos die größte architektonische Attraktion Rios – und bereits jetzt ein neues Wahrzeichen der Stadt. Es sticht sofort ins Auge und regt die Phantasie an: Wie ein enormes intergalaktisches Raumschiff, sagen die einen, oder wie ein riesiges Walfischskelett, sagen die anderen, sieht dieser spektakuläre Bau aus. Dem Schöpfer schwebte aber wohl eher eine Bromelie vor, die sich in Richtung Wasser streckt. Wundert euch jedenfalls nicht, wenn das Gebäude bei eurem zweiten Besuch anders aussieht, als noch beim ersten Mal. Auf dem Dach befinden sich Solar-Panels, die sich je nach Tageszeit immer wieder neu ausrichten, um das Gebäude optimal mit Energie zu versorgen. So hat nicht nur die Hafengegend ein neues Gesicht bekommen, auch das neue Meisterbauwerk verändert immer wieder sein äußeres Erscheinungsbild …

Das Atlantikwasser wird zur Kühlung des Museums genutzt und danach gefiltert wieder ins Meer geleitet. Der Stern (Puffed Star II), der vor dem Museum im Wasser liegt, ist eine Spende des nordamerikanischen Künstlers Frank Stella. Er hat 20 Zacken und einen Durchmesser von 6 m. Drum herum ist ein Museumsgarten mit 24 nativen Bäumen aus dem Umland von Rio (Atlantischer Regenwald, Restinga) angelegt worden, der in den nächsten Jahren noch voller und üppiger werden wird.

An den Eintrittskassen bilden sich fast immer lange Schlangen, denn viele Cariocas und Touristen wollen die modernen Ausstellungen sehen, in denen es um die Zukunft, das Klima, das lange Leben der Menschen, neue Formen der Arbeit, gesellschaftliches Miteinander und allgemein um Nachhaltigkeit geht. Fragen zum Gestern, Heute und Morgen werden behandelt, wo stehen wir, wohin gehen wir und auf welche Weise? Im Erdgeschoss sind wechselnde Ausstellungen zu sehen, im ersten Stock durchlaufen Besucher die fünf Bereiche Kosmos, Erde, Anthropozän, Morgen und Uns. Interaktive Schautafeln, Videosequenzen und Projektionen vermitteln Wissen und regen zum Nachdenken an, ein kurzes Video im „Kosmos“ gibt einen schönen Einstieg in die Ausstellung (Tipp: auf den Boden legen).

Auch wer nicht die Ausstellung sehen kann oder möchte (zum Beispiel, weil die Warteschlange zu lang ist), sollte das Museu do Amanhã einmal aufsuchen. Es lohnt sich, einfach nur einmal um den beeindruckenden Prachtbau mit dem davorliegenden Wasserbecken, in dem sich das Gebäude effektvoll spiegelt, herumspazieren. Auf dem Rundgang eröffnet das futuristische Werk die verschiedensten fotografischen Perspektiven.
Di–So 12–19 Uhr, Eintritt R$20 (Dienstag gratis), Kombiticket mit dem Museu de Arte do Rio R$32

Das Museu do Amanhã hat sich nach seiner Eröffnung sofort zu einem Publikumsmagneten entwickelt © Brasilien Insider

Schräg gegenüber vom Museu do Amanhã erhebt sich auf der anderen Seite der schön sanierten Praça Mauá Rios 2013 eröffnetes Kunstmuseum, das Museu de Arte do Rio (MAR). Es besteht aus einem Palast aus der Zeit um 1900 sowie einem modernen Neubau, die durch eine Dachkonstruktion in Form einer Welle verbunden wurden. Von der Dachterrasse im 6. Stock genießt man zunächst einen fantastischen Ausblick und begibt sich dann zu den darunter liegenden Ausstellungsflächen, wo vor allem Gemälde zu besichtigen sind. Auf vier Etagen sieht man Landschaftsmotive des alten Rio, dann eine internationale Kollektion, darunter abstrakte Malerei, und ganz unten einen Mix verschiedener Arten von Gegenwartskunst.
Di–So 10–17 Uhr, Eintritt R$20 (Dienstag gratis), Kombiticket mit dem Museu do Amanhã R$32

Wer noch nicht genug Kirchen bewundert hat, geht von hier aus ein kleines Stück auf der Avenida Rio Branco zurück und dann nach links in die Rua Dom Gerardo. Nach 100 m geht es wieder links steil hinauf zur Igreja e Mosteiro de São Bento, 1590 von Mönchen aus Bahia gegründet. Das auf einem Hügel gelegene Benediktinerkloster dürfen nur männliche Besucher nach Voranmeldung besuchen, die angrenzende Kirche aus dem 17. Jahrhundert steht jedoch allen offen. Sie gehört zu den bedeutendsten Werken des brasilianischen Barock. Die weiß getünchte Fassade mit den zwei Türmen wirkt recht schlicht, im Inneren herrscht jedoch eine kaum zu übertreffende Pracht. Sowohl das Kirchenschiff als auch die acht Seitenkapellen sind vollständig mit vergoldetem Schnitzwerk verziert, welches erst seit Kurzem nach einer mehrjährigen Restaurierung wieder voll zur Geltung kommt. Nur sind die 14 Gemälde des Kölner Benediktiners Ricardo do Pilar (1643–1718) wegen der etwas spärlichen Beleuchtung weniger gut sichtbar. Highlight ist die stets Sonntag um 10 Uhr stattfindende Messe mit gregorianischen Gesängen. Das Gebäude steht auf der Liste des Unesco-Welterbes.
tgl. 7–18 Uhr

Alternativ kann man aber auf der anderen Seite des Platzes, dort wo diverse Food Trucks ihre Snacks anbieten, ein Stück weiter dem Boulevard Olímpico folgen. Hier sind schon bedeutend weniger Menschen unterwegs. Renovierte Lagerhallen, die auf Events warten, und eilig hochgezogene Bürotürme, die noch nach Mietern Ausschau halten, machen deutlich, wie die wirtschaftliche Realität dem Traum vom Porto Maravilha vorerst seine Grenzen setzt. Die Touristen, die sich hier vom Anleger der Kreuzfahrtschiffe aus auf den Weg in die Stadt machen, werden jedoch mit einer besonderen Attraktion begrüßt: Die riesige Wandmalerei Etnias des bekannten Graffiti-Künstlers Kobra zeigt auf 3000 m² Fläche die beeindruckenden Porträts von Menschen fünf verschiedener ethnischer Stämme, als Vertreter der fünf Kontinente. Es ist die größte Graffiti-Wand der Welt, sie steht seit 2017 im Guinness-Buch der Rekorde.

Sein vorläufiges Ende findet der Boulevard am AquaRio, dem größten Aquarium Südamerikas, wo sich 8000 Fische und Meerestiere aus 350 verschiedenen Arten in 4,5 Millionen Liter Wasser tummeln. Besucher können teils in einem transparenten Tunnel durch die Becken wandeln. Ende 2016 wurde das AquaRio auf mit einer Gesamtfläche von 26.000 m² eröffnet. Der Beginn des Rundgangs befindet sich im 3. Stock bei einem Café. Los geht es zunächst recht unspektakulär mit Plankton, Quallen und kleinen Sardinen (der sogenannten “Schokolade der Meere”), alles zu entspannter Loungemusik. In der virtuellen Grotte wird es dann multimedial. Im größten Becken und der Hauptattraktion des Aquariums, dem Tanque Oceánico, verhindert 45 cm starkes Panzerglas das Auslaufen von 3,5 Millionen Litern Wasser. Hier schwimmen über 40 Spezies umher, darunter drei Hai- und acht Rochenarten. Das zweitgrößte Becken “Beijupirá” hat immerhin noch 500.000 Liter Fassungsvermögen aufzuweisen. Der Rundgang endet mit einem Überblick über die Welt der Muscheln und der historischen Surfbretter, daneben gibt es einen Souvenirshop. Das Meerwasser wird übrigens vor den Cagarras-Inseln durch ein Pumpsystem gefiltert eingeleitet. Ab etwa 11 Uhr kann der Tierfütterung beigewohnt werden. Ein guter Service: Alle Informationen sind auch auf Englisch erhältlich. Das AquaRio ist ein interessantes Ausflugsziel für Regentage, sehr praktisch ist die gute Erreichbarkeit mit der neuen Straßenbahn VLT.
tgl. 9–19, letzter Einlass 18 Uhr, R$100, Kombiticket “Trio Boulevard” mit Museu do Amanhã und MAR R$120

Last but not least: Wer auf der Höhe von Lagerhalle 3 ein Stück die Avenida Barão de Tefé hinuntergeht, der gelangt zur archäologischen Stätte des Cais do Valongo, mit den im Zuge der Revitalisierung wiederentdeckten und freigelegten Überresten des Ankunftskais afrikanischer Sklaven in Rio. Das Bodendenkmal, einziges seiner Art auf dem ganzen Kontinent, ist seit 2017 Unesco-Welterbe.

 

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