RIOS GRÜNE LUNGEN

JR 2012

Rio besitzt außer dem Nationalpark von Tijuca noch eine Lagune, einen Botanischen Garten sowie 42 weitere Parks und Gärten. Mit 20.000 ha Grünfläche beziehungsweise geschätzten 554.000 Bäumen ist Rio de Janeiro eine der vegetationsreichsten Städte der Welt.

Die Lagoa Rodrigo de Freitas ist eine schön gelegene Lagune, die Ihr auf einem Promenadenweg umwandern oder mit dem Fahrrad umfahren könnt. Auf halber Strecke bietet sich ein Besuch des Botanischen Gartens an, außerdem lohnt ein Abstecher zum charmanten Parque Lage mit einem der idyllischsten Cafés der Stadt. Alle Ziele sind leicht selbständig zu erreichen (wer mag, kann sie auf einem längeren Spaziergang nacheinander ansteuern). Nur zum Aussichtspunkt Vista Chinesa ist eine kurze Taxifahrt nötig. Und für einen Besuch des Tijuca-Nationalparks sollte man sich einer geführten halbtägigen Exkursion anschließen.

Lagoa Rodrigo de Freitas

Die wie ein Binnensee wirkende herzförmige Lagoa Rodrigo de Freitas ist eine recht saubere Salzwasserlagune mit einem zwischen Ipanema und Leblon verlaufenden Stichkanal zum Meer hin. Ihr Name Rodrigo de Freitas rührt vom früheren Besitzer der angrenzenden Ländereien her. Der heutige Umfang beträgt 7,4 km, 1880 war sie noch ein Meerbusen und doppelt so groß. Das aufgeschüttete Gelände wurde im 20. Jahrhundert zuerst mit Luxusvillen und später mit teuren Apartmenthäusern bebaut. Heute gilt das ganze Gebiet um die Lagune herum als die beste Wohngegend von Rio (Ipanema, Leblon, Gávea, Jardim Botânico, Lagoa). Besonders am Wochenende dient die Lagune als beliebtes Sport- und Freizeitrevier, der Rundweg ist gesäumt von Freizeitanlagen und Bars, es wird gewandert, gejoggt, geradelt, gesegelt und gerudert.

Von Ipanema und Leblon aus könnt Ihr die Lagune zu Fuß oder per Velo erreichen. Zuerst geht es durch die hübsche, von Geschäften, Cafés und Bistros gesäumte Rua Garcia d’Ávila und dann bei der Lagune am besten links auf den Promenadenweg, wo der Verkehr etwas weniger dicht entlangfließt. Bald seht Ihr auf der anderen Straßenseite das Vereinshaus des berühmtesten Fußballklubs Brasiliens, Flamengo, mit einem großen Fanshop und dem als “modernstem Fußballmuseum Brasiliens” beworbenen Vereinsmuseum. Vorbei am einstmals boomenden Freizeit- und Gastronomietempel Lagoon führt kurz hinter einem Helikopterlandeplatz ein Weg rechts zum Ufer und durch den ruhigen Parque dos Patins, mit Sport- und Spielplätzen sowie einigen beliebten Gartenlokalen. Auf Höhe der Rua General Garzon könnt Ihr die Lagoa verlassen und gelangt dann weiter geradeaus gehend zu einem der Eingänge (Portão Pacheco Leão) des Botanischen Gartens. Oder Ihr dreht die komplette Runde um die Lagune …

Jardim Botânico

Mit 137 ha, 6500 Pflanzen- und mehr als 140 Vogelarten ist Rios Botanischer Garten der größte und reichhaltigste Lateinamerikas. Angelegt wurde er 1808 kurz nach Ankunft der aus Portugal vor den napoleonischen Truppen geflohenen Aristokratie. Hier sollten vor allem asiatische beziehungsweise indische Arten akklimatisiert werden, die man für Gewürze, Tees und Heilmittel benötigte. So verwundert es nicht, dass die einheimischen Arten bis heute unterrepräsentiert sind. Das inzwischen selten gewordene Brasilholz (pau brasil), aus dem man seinerzeit Rot-Färbemittel für die königlichen Gewänder gewann und welches dem Land seinen Namen gab, ist jedoch nach wie vor zu finden.

Gleich nach Betreten des Geländes trifft man auf das Museu do Meio Ambiente (Umweltmuseum), hinter dem Besucherzentrum (Centro de Visitantes) befindet sich das Café Botânica. Besonders sehenswert sind die 740 m lange Baumallee Aléia Barbosa Rodrigues mit gut 200 Jahre alten und 40 m hohen Königspalmen, in deren Mitte der “Springbrunnen der Musen” (Chafariz das Musas) vor einem spektakulären Hügelpanorama das beliebteste Fotomotiv des Parks darstellt. Weiterhin gibt es den kleinen See Lago Frei Leandro mit Victoria-régia-Seerosen, vier Gewächshäuser mit Orchideen, Bromelien, Kakteen und fleischfressenden Pflanzen sowie die zu einem Museum umfunktionierten Reste einer alten Schießpulverfabrik: Fábrica de Pólvora.

Obwohl in diesem künstlich angelegten Garten alles fein geordnet ist (viele Bäume besitzen sogar informative Namensschildchen), vermittelt er trotzdem einen angenehmen Eindruck tropischer Opulenz – im richtigen Dschungel sieht man ja meist den Wald vor lauter Bäumen nicht. Allein schon die himmlische Ruhe mitten im Großstadtgetümmel sowie der erfrischende Schatten sind einen Besuch wert. Ein schöner Stopp bietet sich unterwegs auf dem Gelände nahe dem Besucherzentrum (Centro de Visitantes) im Bistrot La Bicyclette an: das Bistro arbeitet nach ganzheitlichen und umweltschonenden Prinzipien. Verlassen könnt Ihr den Park übrigens auch im nordwestlichen Teil durch den Mitarbeiterausgang No. 915. Gleich rechts finden sich einige nette, oft von Künstlern und Globo-Schauspielern frequentierte Straßencafés und Restaurants wie das Jojo Café Bistrô.
Mo 12–18, Di–So 8–18 Uhr, Eintritt R$15, auch englischsprachige Führungen ab Besucherzentrum. Anfahrt per Taxi/Uber oder Bus (Aufschrift „Jardim Botânico“), ab Ipanema/Leblon auch zu Fuß möglich, Spaziergang um die linke Hälfte der Lagoa, auf der Höhe der Rua General Garzon links abbiegen bis zum Eingang Portão Pacheco Leão

Vista Chinesa

Vom Botanischen Garten lässt sich per Uber oder Taxi in ungefähr 15 Minuten der wunderschöne Aussichtspunkt Vista Chinesa erreichen. Die Straße führt erst sehr reizvoll durch einen Teil des Nationalparks von Tijuca. Oben in 380 m Höhe steht eine chinesische Pagode, 1903 zum Gedenken an eine Gruppe von Chinesen errichtet, die dort versucht hatten, Tee anzubauen. Von dort genießt Ihr dann die sogenannte “Chinesische Aussicht”, es ist kein Rundum-Panorama, dafür aber der schönste Bildausschnitt überhaupt. Der Ausblick ist atemberaubend und einzigartig.

Links zieht sich eine riesige Waldfläche an den Berghängen entlang, die zum Nationalpark gehörige Serra da Carioca. Wer noch den Hauptteil des Nationalparks, die sogenannte Floresta da Tijuca, besuchen will, kann diesen auch von Vista Chinesa aus in einer halben Stunde Taxifahrt auf einer schönen Waldstraße erreichen.

Parque Lage

Ein Besuch des eher unbekannten Parque Lage (Zugang über Rua Jardim Botânico) ist für die meisten Reisenden eine angenehme Überraschung. Man freut sich darüber, ein wenig durch die von einem Engländer angelegten Grünanlagen zu schlendern, im Innenhof einer alten herrschaftlichen Villa in dem wunderbaren Plage Café einen Kaffee zu trinken und überhaupt die gesamte entspannte Atmosphäre mitten in der Millionenstadt zu genießen. Im Haupthaus befindet sich zudem die Kunstschule Escola de Artes Visuais, deren Schüler sich mit etwas Glück über die Schultern schauen lassen. Häufig finden hier auch sehenswerte kulturelle Veranstaltungen statt. Der Parque Lage ist einer der schönsten Rückzugsorte in Rio.
tgl. 8–17, Sommer 8–18 Uhr. Anfahrt per Taxi/Uber oder Bus (Aufschrift “Jardim Botânico”), ab Ipanema/Leblon auch zu Fuß möglich

Parque Nacional da Floresta da Tijuca

Rios Nationalpark von Tijuca ist mit 3360 ha das größte städtische Waldgebiet der Erde und nimmt sieben Prozent der Stadtfläche ein. Er geht zurück auf eine 1861 von Kaiser Dom Pedro II. angeordnete Wiederaufforstungsaktion. Zur Zeit der Entdeckung 1502 war das Gebiet noch ganz von Atlantischem Regenwald überzogen. Durch Abholzung und Kaffeeanbau wurde dieser fast ganz zerstört und die Wasserversorgung der Stadt war Mitte des 19. Jahrhunderts akut gefährdet. 13 Jahre lang setzten elf Sklaven, zehn Männer und eine Frau, etwa 80.000 neue Pflanzen, von denen die Hälfte anging und den heutigen Sekundärwald mit zahllosen Palmen, Baumfarnen und Epiphyten entstehen ließ. Wegen des jüngeren Alters lässt sich die Flora jedoch kaum mit dem üppigen Regenwald in Amazonien vergleichen.

Auch die Tierwelt ist eher spärlich vertreten, nur die süßen kleinen Mico-Büscheläffchen kann man bisweilen antreffen, oder, wie im Fall der größeren Brüllaffen (macaco prego), sie zumindest hören. Auch Nasenbären und Faultiere, die farbenprächtigen Tangare, Kolibris und Tukane, sowie Riesenschmetterlinge geben sich die Ehre.

Der 1961 gegründete Nationalpark besteht aus drei Teilen: Weniger ausgedehnt und dem Zentrum am nächsten ist die Serra da Carioca, sie erstreckt sich vom Corcovado bis bis weit hinter den Aussichtspunkt Vista Chinesa, den man vom Botanischen Garten aus recht schnell erreichen kann. Die bei Drachenfliegern beliebte Region um die Felsen Pedra Bonita/Pedra da Gávea reicht vom Stadtteil São Conrado bis Barra da Tijuca. Der dritte und mit 15 km² größte sowie am meisten besuchte Teil heißt Floresta da Tijuca, er liegt recht weit außerhalb in nordwestlicher Richtung. Kurz nach der Einfahrt am Parkeingang an der Praça Afonso Viseu (Alto da Boa Vista) hört man schon das Rauschen von Rios mächtigstem Wasserfall, der Cascatinha do Taunay (40 m), der jedoch in Trockenperioden nur recht schwach tröpfelt. Hier gibt es auch ein Bar-Restaurant namens Cascatinha. Die Straße führt dann erst an der 1863 errichteten kleinen Capela Mayrink vorbei und zu einem Besucherzentrum (centro de visitantes) mit interessanten Fotos und zweisprachigen Informationen zur Flora und Fauna. Auf dem weiteren Weg findet sich das schön gelegene Wald-Restaurant A Floresta. Außerdem befindet sich in diesem Teil des Nationalparks Rios höchste Erhebung, der Pico da Tijuca (1021 m), dessen Gipfel man über 117 in Felsen gehauene Treppenstufen ersteigen kann. Da dieser Parkteil schwer öffentlich zu erreichen ist, sollte er über eine organisierte Tour besucht werden, zum Beispiel mit Jungle Me (Mückenschutz mitnehmen).
Nationalpark tgl. 8–17, Sommer 8–18 Uhr, Eintritt frei

Sítio Burle Marx

Knappe 30 km von der Copacabana beziehungsweise wenige Kilometer von den Strandvierteln Recreio und Grumari entfernt liegt der interessante Sítio Roberto Burle Marx in Barra da Guaratiba. Der bedeutendste Landschaftsarchitekt Brasiliens war Sohn einer Brasilianerin und eines Deutschen (direkter Nachfahre aus der Familie von Karl Marx) und lebte auf diesem Anwesen von 1973 bis zu seinem Tode 1994. Der 365.000 m² große, urwaldähnliche Landsitz beherbergt eine Art botanischen Garten mit über 3500 Pflanzenarten in zum Teil duftgeschwängerten Gewächshäusern, darunter einen über hundertjährigen gigantischen Feigenbaum und spektakuläre Jadepflanzen von den Philippinen. Es ist ein hoch interessanter Ausflug für Naturliebhaber und Freunde tropischer Botanik. Auf dem Landsitz befinden sich außerdem das ehemalige Wohnhaus, Kunstateliers und eine kleine Kapelle aus dem 17. Jahrhundert. Die Anfahrt ist möglich per Metro bis zur Station Jardim Oceânico, anschließend weiter mit dem Schnellbus BRT Expresso bis Recreio Shopping, den Rest der Strecke per Uber/Taxi.
Di–Sa 9.30 und 13.30 Uhr englischsprachige Führungen (90 Minuten), nur nach Voranmeldung unter Tel. 021-2410 1412, Eintritt R$10

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