SANTA TERESA

Unbestritten die schönste Form der Anfahrt in das malerische alte Villen- und Künstlerviertel ist mit der historischen Straßenbahn (bonde). Nach einem schweren Unfall wurden eine Hauptstrecke und die Bahnen grundlegend renoviert – die Wagen haben immer noch das vertraute Aussehen, sind aber jetzt technisch auf dem neuesten Stand. Start ist ab Terminal dos Bondes, Rua Lélio da Gama, nahe der Metrostation Carioca im Zentrum. Wer an einer der Stationen unterwegs zusteigen will, kann nur bargeldlos bezahlen.
Mo–Fr 8–17.40, Sa 10–17.40, So 11–16.40 Uhr, Eintritt R$20

Reisehinweis: Holprige Anfahrt nach Santa Teresa
Außerhalb der Betriebszeiten der Straßenbahn erreicht man Santa Teresa auch ab der Metrostation Glória mit einer kurzen Uber- oder Taxifahrt. Manche Taxifahrer sträuben oder weigern sich übrigens, nach Santa Teresa zu fahren, angeblich wegen des schlechten Straßenpflasters. Manchmal wird auch ein höherer Fahrpreis verlangt. Es ist jedenfalls nicht zu empfehlen, zum Beispiel von Glória aus einfach zu Fuß nach Santa Teresa hinaufzulaufen, schon gar nicht mit Gepäck. Trotz des dörflichen Charmes mit den vielen Villen und Gärten solltet Ihr auch hier, wie überall in Rio, stets auf belebten Wegen bleiben.

Während der Fahrt seht Ihr nach Überqueren eines früheren Aquädukts an der rechten Seite schon die ersten postkolonialen Villen. Zwischen 1808 und 1942 lebten hier auf den Hügeln Familien der reichen Kaffeebarone und genossen die Aussicht, das milde Klima und das Quellwasser des Rio Carioca, welcher vom Corcovado bis zum Zentrum geleitet wurde. Doch dann kam es immer mehr in Mode, am Meer zu wohnen, viele Bewohner zogen zur Copacabana um, das Viertel und die verlassenen Paläste verfielen in Dekadenz. Auch wegen der sinkenden Mietpreise siedelte sich bald ein neues alternatives Publikum von Hippies, Künstlern und Aussteigern an. Inzwischen gibt es viele Ateliers, Kunsthandwerksläden, Restaurants und urige Bars.

Unter der Woche herrscht eine angenehm unaufgeregte, beschauliche Atmosphäre, am Wochenende wird Santa Teresa stets gut besucht von Einheimischen und Touristen. Aber das Viertel blieb insgesamt dörflich mit einem leicht morbiden Charme, es gibt nicht einmal eine Bank. Der Besuch ist ein kleines Abenteuer für sich und eine Zeitreise in eine vergangene Epoche. Nur hin und wieder, wenn der Blick zwischen wuchernden Gärten und alten Villen hindurch plötzlich auf den Zuckerhut oder die Brücke nach Niterói fällt, erinnert man sich, dass man nicht in einem Provinzstädtchen ist, sondern hoch über der Guanabara-Bucht, mitten in Rio.

Typisch für Rio: Die berühmte Straßenbahn (bonde) von Santa Teresa und ein alter Käfer © Brasilien Insider

Nach 10–15 Minuten Bahnfahrt (oder 10 Minuten Busfahrt ab Lapa) könnt Ihr am Largo do Guimarães aussteigen, dem belebtesten Platz in Santa Teresa. Es gibt dort ein paar Kunsthandwerksläden, nette Cafés, Bars und Restaurants, in denen es vor allem an den Wochenendabenden rege zugeht. Zum Essen geht Ihr am besten in das Café do Alto. 100 m weiter folgt die Bar do Mineiro, eine mit älteren Fotos von brasilianischen Gesangsstars und naiver Bauernmalerei geschmückte Kneipe, die sich zu einem beliebten Treffpunkt entwickelt hat. Viele Gäste stehen draußen, was auch die Kontaktaufnahme erleichtert. Wer dort etwas essen will, bestellt meist Feijoada, das Hauptgericht des Lokals. Danach könntet Ihr noch 15 Minuten weiter bis zur urigen Bar do Gomes schlendern oder gleich zurück an den Schienen entlang in Richtung Zentrum bis zur Haltestelle Curvelo gehen.

Wer noch etwas länger in Santa Teresa bleiben will, kann vom Largo do Guimarães zu Fuß in 15 Minuten den Parque das Ruínas erreichen. Es handelt es sich um die Überreste der früheren Residenz von Laurinda dos Santos Lobo, einer 1946 verstorbenen Aristokratin und Kunstmäzenin. Von der Dachterrasse der Ruine bietet sich einer der schönsten Ausblicke auf den Zuckerhut, die Bucht von Guanabara und das gesamte Zentrum von Rio. Unten solltet Ihr noch in das Café das Ruínas einkehren, am Wochenende gibt es auf dem Platz auch Gratis-Konzerte.
Parque das Ruínas Di–So 8–20 Uhr, Eintritt frei

Etwa 50 Meter neben dieser Ruine, meistens über einen eisernen Übergang zu erreichen (sonst von der Straße aus), befindet sich das berühmte Museu da Chácara do Céu. Hier wohnte von 1958 bis 1968 der Kunstsammler Raymundo Ottoni de Castro Maya; neben Stilmöbeln und Porzellan beeindrucken vor allem viele wertvolle Gemälde ausländischer und brasilianischer Maler.
Mi–Mo 12–17 Uhr, Eintritt R$6 (Mittwoch frei)

Gut zu wissen: Das Kloster der Karmeliterinnen
Der Name des Viertels geht übrigens auf das Convento de Santa Teresa (1750) zurück. Die Karmeliterinnen lebten und leben dort weltabgeschieden in der strengen Glaubenstradition der spanischen Heiligen Teresa Sanchez de Ahumada von Ávila, kurz Santa Teresa d’Ávila genannt. Einer der berühmtesten Umzüge von Rios Straßenkarneval, der Bloco das Carmelitas, spielt ironisch mit dem Konflikt aus Askese und Sinnesfreuden: Der Name geht zurück auf eine Nonne, die angeblich dabei beobachtet wurde, wie sie über die Klostermauer sprang, um beim Karneval mitfeiern zu können. Viele verständnisvolle Umzugsteilnehmerinnen tragen deswegen ein Nonnenkostüm. Denn wie wollte man unter so vielen tanzenden Ordensschwestern eine heimlich ausgebüxte Nonne ausmachen?
Die Fliesentreppe von Selarón

Diese Treppe gehört noch zu Santa Teresa, aber man besichtigt sie am besten von dem unterhalb liegenden Viertel Lapa aus. Wer sie vom Ruinenpark aus ansteuern will, sollte sicherheitshalber ein Taxi nehmen. Die Escadaria do Selarón ist das Lebenswerk des 2013 verstorbenen chilenischen Künstlers Jorge Selarón. Seit 1990 hat er unermüdlich und ohne Entgelt eine öffentliche Treppe mit kunstvollen Fliesen aus aller Welt verziert. Auf den insgesamt 215 Stufen “seiner Treppe” finden sich mehr als 2000 Fliesen aus etwa 60 Ländern; auch deutsche, schweizerische und österreichische Städte sind dabei repräsentiert. Sie gilt laut “National Geographic” als das größte von einem einzelnen Menschen erschaffene Kunstwerk der Welt und ist heute nach Christus und Zuckerhut Rios Besuchermagnet Nr. 3. Dabei war Selarón gar kein Fliesenleger, sondern Maler. Sein bevorzugtes Motiv waren Karikaturen von schwangeren Frauen, um 25.000 solcher Bilder hat er geschaffen beziehungsweise in seinem Atelier verkauft; auf einigen Fliesen ist dieses Motiv ebenfalls verewigt. Heutzutage muss sein Werk tagtäglich unzählige Touristen über sich ergehen lassen, was ihm inzwischen anzusehen ist. Abends sollte man die Gegend rund um die Treppe aus Sicherheitsgründen meiden.

Die Escadaria do Selarón ist inzwischen eins der beliebtesten Fotomotive von Rio © Brasilien Insider

 

0 replies on “SANTA TERESA”