DAS ZENTRUM

Sehr empfehlenswert ist ein Spaziergang durch das historische Zentrum von Rio. Es ist nämlich kaum bekannt, dass Rio neben traumhaften Stränden, Zuckerhut und Corcovado auch noch eine sehr sehenswerte Altstadt besitzt, für deren Besuch du dir durchaus einen halben Tag Zeit nehmen solltest. Das Stadtzentrum kann leicht zu Fuß auf einem Rundgang erkundet werden, was allerdings aus Sicherheitsgründen nur werktags oder Samstagvormittag geschehen sollte.

Start ist an der Praça Marechal Floriano Peixoto, Rios Hauptplatz im Zentrum. Die dortige Metrostation heißt Cinelândia, weil hier in den 1920er-Jahren viele Kinos eröffnet wurden. Das Highlight an diesem lebendigen Platz ist das prachtvolle Theatro Municipal von 1909, ein der Pariser Oper nachempfundener neoklassizistischer Bau, der im Innen reich bestückt ist mit grünem Marmor aus Carrara, deutschem Kristallglas und kunstvollen Deckengemälden. Hier sangen schon vor 2200 Zuschauern Caruso und die Callas. Außen prangen rechts oben die Namen des Dichterfürsten Goethe und links oben des Komponisten Wagner.
Besichtigung nur mit Führung, Dauer 45 Minuten, Di–Fr 12, 14.30 und 16 Uhr (Engl.), Sa, Feiertage 11, 12, und 13 Uhr, Eintritt R$20; Kasse und Beginn der Führung beim Hintereingang, Kartenverkauf ab 10 Uhr

Schräg gegenüber vom Theater befindet sich der neoklassizistische weiße Palácio Pedro Ernesto (1923), seit 1977 Sitz des Stadtrats. Vor diesem Gebäude finden häufig Demonstrationen und Protestveranstaltungen statt. Links daneben fällt noch ein großes orangefarbenes Gebäude von 1921 ins Auge, in dem sich unten das traditionsreiche Lokal Amarelinho befindet. Man sitzt herrlich am Platz mit Blick auf das Theater. Es ist ein idealer Ort, um sich ein wenig auszuruhen und das lebendige Treiben zu beobachten.
Amarelinho tgl. 10–1 Uhr

Fast direkt gegenüber, auf der anderen Seite der Avenida Rio Branco, erhebt sich das imposante Gebäude der Biblioteca Nacional (1910). Laut Unesco ist es mit einem Bestand von 10 Millionen Büchern und Dokumenten die achtgrößte Bibliothek der Welt. Unter den bekanntesten Büchern sind eine deutsche Bibel von 1462 sowie das kleinste Buch der Welt (1 cm), in dem das “Vaterunser” in sieben Sprachen enthalten ist. Leider gelangt man nicht so leicht zu den Archiven, aber alleine ein Blick in die Eingangshalle mit ihren hohen Marmorsäulen und der Jugendstilkuppel ist schon einen kurzen Besuch wert.
Mo–Fr 10–17 Uhr, Zutritt nur mit Ausweis

Nach Verlassen der Bibliothek geht es wenige Meter nach rechts zum bedeutenden und sehr schönen Museu Nacional de Belas Artes (1908) mit Gemälden, Gravuren und Skulpturen ausländischer und brasilianischer Künstler aus der Zeit zwischen dem 17. und 21. Jahrhundert.
Di–Fr 10–18, Sa, So 13–18 Uhr, Eintritt R$8 (Sonntag gratis)

Danach kehrt man zum Platz zurück, geht links vom Theater durch die Avenida 13 de Maio und biegt die erste Straße nach links ab. Nach etwa 100 m erhebt sich auf der linken Seite das mächtige würfelförmige Hauptgebäude des staatlichen Ölriesen Petrobras (1967) und ein kleines Stück weiter geradeaus die modernistische Konstruktion der Catedral Metropolitana de São Sebastião (1976) mit dem außerhalb stehenden Glockenturm. Die Cariocas lieben ihre neue katholische Hauptkirche nicht sehr, im Volksmund trägt der ikonische Betonbau mit der Wabenstruktur sogar den spöttischen Beinamen „Bienenarsch“. Äußerlich ist die Kathedrale – stilistisch wie ein Niemeyer-Geschöpf wirkend – wirklich nicht gerade schön, beeindruckt aber im Innern durch vier in Kreuzform angeordnete bzw. den Himmelsrichtungen entsprechende bunte Glaszeilen mit religiösen Motiven, den indirekten Lichteinfall sowie durch ihre Größe. Sie besitzt einen Durchmesser von 106 m und ist in der Mitte 96 m hoch.
tgl. 7–17 Uhr, Zutritt in kurzen Hosen erlaubt

Danach geht es wieder 200 m zurück und dann nach links zu einem weiteren großen Platz, dem Largo da Carioca. Auf den ersten Blick fällt der Kontrast zwischen den Bürotürmen auf der einen Seite und den historischen Kirchen- und Klosteranlagen auf dem Hügel gegenüber ins Auge. Links befindet sich ein Kloster, in der Mitte Rios älteste Kirche, die eher bescheidene Igreja de Santo Antônio (1608–20), und rechts die Igreja da Ordem Terceira de São Francisco da Penitência. Diese 1657 begonnene und erst 1747 fertig gestellte Franziskanerkirche ist mit das Prachtvollste, was Rio an lusitanisch-barocker Kirchenkunst zu bieten hat. Die sogenannte “goldene Höhle” ist an den Zedernholzwänden vollständig mit Blattgold überzogen, der Boden ist aus Marmor, das Deckengemälde gilt als die erste Perspektivmalerei Brasiliens. Es stammt von Caetano da Costa Coelho und zeigt die Heiligsprechung des Franziskus von Assis.
Di–Fr 9–16, Sa 9–12 Uhr, Eintritt R$10, der Zugang ist auch per Aufzug möglich

Am Ende des Largo da Carioca führt der Weg nun nach links in die Rua da Carioca, früher eine der wichtigsten Geschäftsstraßen der Stadt. Bei Nr. 39 befindet sich die eher karge deutsche Bar Luiz, die als die älteste von Rio gilt. Seit 1887 hieß sie wegen des Besitzers Bar Adolf, musste aber später wegen Hitler umbenannt werden. Bei Nr. 49 folgt das im Jugendstil erbaute und 1909 eingeweihte Cine Íris, Rios ältestes Kino und Theater, heute ein billiges Erotikkino. Die Straße führt dann bis zu einem großen Platz, der historisch bedeutsamen und kürzlich revitalisierten Praça Tiradentes mit einem Reiterstandbild von Kaiser Dom Pedro I. in der Mitte.

Nach rechts gehend sieht man hinter einem kleineren Platz schon von weitem die prachtvolle Fassade des Real Gabinete Português de Leitura. Diese während des Kaiserreichs 1887 in neo-manuelinischem Stil errichtete Königliche Bibliothek, eine der schönsten der Welt, war ein Geschenk Portugals an Brasilien. Sie besitzt circa 350.000 wertvolle alte Ausgaben portugiesischer Literatur und ist damit die größte und wertvollste außerhalb von Portugal. Die Bibliothek beeindruckt aber vor allem durch die kafkaesk anmutende architektonische Gestaltung des Innenraums.
Mo–Fr 9–18 Uhr, Fotografieren ohne Blitz erlaubt, sich möglichst diskret verhalten

Andächtige Stille im Real Gabinete Português de Leitura © Brasilien Insider

Bei Verlassen der Bibliothek nach links, den Largo de São Francisco überquerend, gelangt man dort, wo C&A zu sehen ist, in die Rua do Ouvidor. Diese schmale Gasse war im 19. Jahrhundert Rios eleganteste Einkaufs- und Flaniermeile und galt sogar als der berühmteste Boulevard Brasiliens. In die Geschichte ging die Straße auch als erste Fußgängerzone der Stadt (1829) und als die erste Straße mit einer Gasbeleuchtung (1854) ein. Heute trinken hier besonders die Angestellten der nahen Bürohäuser gerne nach der Arbeit einen Absacker.

Nach Überqueren der belebten Rua Uruguaiana geht es nach rechts in die Rua Gonçalves Dias und bis zur Confeitaria Colombo (linke Seite Nr. 32/36, blaues Vordach). Rios schönstes Kaffeehaus hält allen Vergleichen mit Wien, Paris oder Buenos Aires stand. Es wurde 1894 von dem reichen Portugiesen Manuel Joaquim Lebrão eröffnet und zwischen 1914 und 1918 noch um einigen Luxus erweitert. Stilistisch finden sich viele Jugendstilelemente, fast alles wurde aus Europa importiert, darunter die acht gewaltigen Spiegel aus Antwerpen. An den vielen kleinen Marmortischen sitzen heute überwiegend Touristen, die sich die köstlichen Torten und üppigen Sandwiches (eins reicht für zwei Personen) schmecken lassen, während hier früher Staatspräsidenten, Kaffeebarone und viele Bohemiens einkehrten.

Falls Ihr hier etwas essen möchtet, bieten sich mehrere Möglichkeiten: Am meisten wird von den Touristen unten im großen Hauptsaal, auch als Salão Bar Jardim bekannt, das süße und wirklich köstliche Aushängeschild Pastel de Belém bestellt. Neben Kaffee und Kuchen werden dort auch Salate, Sandwiches oder Crêpes an den Tisch gebracht. Wenn es schneller gehen soll, könnt Ihr euch in zwei Stehcafés Kleinigkeiten zum Mitnehmen oder nebenan im Salão Bilac abgepackte Gerichte bestellen. Wer richtig gut und ausgiebig Mittag essen möchte, kann sich im 2. Stock an einem exzellenten All-inclusive-Buffet bedienen (Auffahrt im Fahrstuhl). Leichtere Suppen sind dagegen in der 1. Etage im Salão Cabral erhältlich (über eine Treppe erreichbar).
Mo–Fr 9–19, Sa 9–17 Uhr, Buffet Mo–Fr 12–16 Uhr, Salão Cabral Mo–Fr 11.45–14.45 Uhr

Bei Austritt aus dem Café nach links gelangt man an der ersten Ecke links in die Rua 7 de Setembro. An ihrem Ende steht die restaurierte, eher wie ein Theater wirkende Igreja de Nossa Senhora do Carmo da Antiga Sé, Rios katholische Kathedrale von 1808 bis 1976 (Zugang seitlich von der Rua 7 de Setembro). Sowohl Dom Pedro I. als auch Dom Pedro II. wurden hier gekrönt.
Mo–Fr 7–17, Sa 9.30–12.30 Uhr

Gegenüber der Kirche liegt ein großer Platz, die Praça 15 de Novembro nahe dem alten Hafen. Links davon gelangt man durch einen Torbogen in die Travessa do Comércio, eine der ältesten Handelsgassen der Stadt (Montag bis Freitag After-Work-Party). Geht man hindurch, gelangt man zum anderen Ende der Rua do Ouvidor und dahinter zur hübschen Parallelgasse Rua do Rosário.

Von der nächsten Ecke gelangt man nach rechts gehend wieder zur Praça 15, in dessen Mitte ein zweigeschossiges weißes Bauwerk von 1743 namens Paço Imperial steht. Hier residierte ab 1808 der vor Napoleon aus Lissabon geflüchtete portugiesische Prinzregent Dom João VI. Bis 1889 blieb es das wichtigste Regierungsgebäude des Kaiserreiches. Heute ist es ein Kulturzentrum, im Innenhof mit schönem Bistro.
Bistro Di–So 12–19 Uhr

Beim Herausgehen auf der anderen Seite sieht man sofort den mächtigen neoklassizistischen Palácio Tiradentes (1926). Er beherbergte bis 1960 das Parlament Brasiliens und ist seitdem Sitz des Landtags von Rio. Früher befand sich hier ein Gefängnis, in dem der Freiheitskämpfer Tiradentes 1792 auf seine Hinrichtung wartete. Die Statue vor dem Palast ist heute Denk- und Mahnmal.
Besichtigung Mo–Sa 10–17 Uhr

Früher war der Rundgang durchs Zentrum damit praktisch beendet. Nachdem Rio den Zuschlag für die Olympischen Spiele 2016 bekommen hatte, resultierte daraus die Idee, das alte Hafengebiet zu sanieren. So beginnt hier jetzt der Boulevard Olímpico, ein von der Praça 15 ausgehender Spazier- und Radweg, der entspannt zwischen Hafenkais und den Gebäuden der Marine entlang bis zur Praça Mauá führt. Diesen Spaziergang auf dem Boulevard Olímpico solltet Ihr zum Abschluss noch ins Auge fassen, denn zum Ende hin erscheint Rios fantastischstes Bauwerk überhaupt, das Museu do Amanhã. Wer noch keine müden Beine hat, geht also weiter durch das neu renovierte Hafenviertel

 

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